Ärzte der Caritas Straßenambulanz fordern Verbesserungen im Bereich der gesundheitlichen Versorgung

Gesundheitspolitisches Gespräch mit den Bundestagsabgeordneten Bulmahn und Reimann

Am Montag, den 27.04.09 trafen sich 15 ehrenamtlich tätige Ärzte und Mitarbeiter der Caritas Straßenambulanz für Wohnungslose zum gesundheitspolitischen Gespräch mit MdB Edelgard Bulmahn (SPD) und MdB Dr. Cornelia Reimann (SPD).
Unter der Moderation von Dr. Birgit Niebler, Ärztekammer Niedersachsen, wurden aktuelle Probleme der medizinischen Versorgung Wohnungsloser diskutiert.
links: MdB Edelgard Bulmahn (SPD), MdB Dr. Carola Reimann (SPD), Gerhard Jürgens (Geschäftsführer der Caritas Hannover)
links: MdB Edelgard Bulmahn (SPD), MdB Dr. Carola Reimann (SPD), Gerhard Jürgens (Geschäftsführer der Caritas Hannover)
Praxisgebühren, Medikamentenzuzahlungen und bürokratische Hürden seien immer häufiger der Grund, warum immer mehr Menschen die kostenlosen Dienste der Straßenambulanz aufsuchen und den Weg in die Hausarztpraxis scheuen, so die anwesenden Ärzte.
Inzwischen seien unter den Hilfesuchenden nicht nur von Obdachlosigkeit betroffene Menschen, sondern immer häufiger Hartz IV-Empfänger, Jugendliche und sogenannte „Illegale“ zu finden.
Die anwesenden Ärzte betonten, dass immer mehr Menschen durch das vorhandene Gesundheitssystem fallen und in einen Kreislauf geraten, der nur schwer zu durchbrechen sei. Gleichzeitig steige die Armut in der Bevölkerung mehr und mehr an.
„Ursprünglich waren die Sozialkaufhäuser, Kleiderkammern und Essenstafeln nur für Obdachlose gedacht, inzwischen werden sie vorrangig von Hartz IV-Empfängern aufgesucht,“ so Stefanie Ganser, die seit 1999 als Ärztin im Team der Straßenambulanz tätig ist. „ Es entwickeln sich nicht nur Parallelkaufwelten, sondern auch Parallelgesundheitswelten,“ erklärte Ganser.
Dr. Ulrich Eggert, seit 2008 im Team der Straßenambulanz und Gerd Rauchfuss von der Malteser Migranten Medizin wiesen noch einmal deutlich auf die Situation sogenannter „Illegaler“ oder „Papierloser“ hin, die häufig im Bereich der Gastronomie, aber auch in Privathaushalten und der häuslichen Pflege tätig seien, aber über keine Krankenversicherung verfügen. Die stete Zunahme der Hilfesuchenden in diesem Bereich, als auch die Zunahme von Flüchtlingen und Asylbewerbern, die auf Grund einer drohenden Abschiebung in die Illegalität flüchten, sei alarmierend, besonders sei hier auch eine starke Zunahme von Personen mit psychiatrischen und traumatischen Erkrankungen festzustellen, so die Anwesenden.
Die Ärzte forderten eine Verbesserung der Gesundheitsstrukturen, um auch die Menschen am Rande der Gesellschaft zu erreichen, die Einrichtung eines speziellen Gesundheitsfonds und eine Ausweitung der sozialpädagogischen Beratung und Betreuung dieser Personengruppen, zum Beispiel in den Wohnunterkünften, Beratungsstellen und Wohnheimen für Flüchtlinge.
Edelgard Bulmahn und Dr. Carola Reimann zeigten sich erstaunt, dass es trotz der für alle Menschen in Deutschland bestehenden Krankenversicherungspflicht so viele Personengruppen gibt, die durch das Regelnetzwerk der Gesundheitsversorgung fallen. „Es muss politisches Ziel sein, zu verhindern, dass Menschen überhaupt in die Obdachlosigkeit geraten,“ so Reimann.
Von links: Stephan Degenhardt, Ratsherr im Rat der LH Hannover, Dr. Birgit Niebler, Ärztekammer Niedersachsen, MdB Edelgard Bulmahn
Von links: Stephan Degenhardt, Ratsherr im Rat der LH Hannover, Dr. Birgit Niebler, Ärztekammer Niedersachsen, MdB Edelgard Bulmahn
Die Ärzte der Caritas Straßenambulanz, Mitarbeiter der Malteser Migrantenmedizin und des Mecki-Ladens im Gespräch
Die Ärzte der Caritas Straßenambulanz, Mitarbeiter der Malteser Migrantenmedizin und des Mecki-Ladens im Gespräch
„Die Beratungssysteme müssen verbessert werden. Dies ist allerdings nicht nur eine politische, sondern eine gesellschaftliche Aufgabe. Aber es kann auch keine reine ehrenamtliche Aufgabe sein,“ so Reimann weiter. „Dennoch ist das Ehrenamt und damit Ihre Tätigkeit in der Straßenambulanz ein wesentlicher Beitrag im Gefüge unserer Gesellschaft und trägt zum Gemeinsinn in Hannover bei,“ betonte Bulmahn.
Beide Bundestagsabgeordnete sicherten ihre Unterstützung zu und waren sich einig, dass notwendige Verbesserungen aber nicht nur zu Lasten der Kommunen gehen dürfen, sondern eine Änderung in der Steuerverteilung notwendig sei, um hier Entlastung für die Situationen vor Ort zu schaffen.

Ebenso sei die Einführung von Mindestlöhnen in bestimmten Berufszweigen notwendig. „Gehälter müssen höher sein als die Sozialhilfe,“ so Bulmahn.
Domkapitular und Propst Martin Tenge bedankte sich in seinem Schlusswort bei allen Beteiligten für die Bereitschaft und das hohe Engagement, sich für Menschen, die in unserer Gesellschaft vielfach keine Lobby haben, tatkräftig und mit hoher Kompetenz einzusetzen. „Ehrenamt, soziale Einrichtungen, Gesellschaft und Politik können nur gemeinsam in unserem Land Systemverbesserungen erzielen,“ so das Schlusswort des Propstes.