Nach über 50 Jahren soll das Bundesprogramm Bildungsberatung Garantiefonds Hochschule (GF-H) zum Jahresende eingestellt werden. Junge Zugewanderte, die in Deutschland studieren wollen, verlieren damit die einzige Anlaufstelle. Beim heutigen Pressegespräch des Caritasverbandes Hannover berichteten junge Menschen aus Syrien, Russland und der Ukraine, wie die Bildungsberatung ihnen auf dem Weg ins Studium geholfen hat.
Zum Hintergrund: Die Staatssekretäre des Bundesministeriums für Bildung, Familie, Senioren, Frauen und Jugend hatten am 29. Mai 2026 mitgeteilt, dass das Programm zum 31. Dezember 2026 ausläuft. Bundesweit stehen dafür jährlich rund 15 Millionen Euro zur Verfügung. Am Standort Hannover werden mit knapp 750.000 Euro neben den drei Personalstellen zur Beratung der jungen Menschen vor allem Sprachkurse und Stipendien finanziert. Diese Förderung würde ersatzlos entfallen. "Eine fundierte Begründung für das Aus fehlt bis heute”, betont Andreas Peters, Teamleitung am Standort Hannover. "Wir werden vom Ministerium geghostet könnte man sagen. Wir erhalten keine Antworten auf unsere Rückfragen."
"Das ist kein ernsthafter Umgang mit Steuergeldern," ergänzt Tanja Gomm, die als Bildungsberaterin hunderten jungen Menschen ins Studium geholfen hat. "Die Ratsuchenden werden im Regen stehen gelassen. Und wir als Beratungsstellen haben viele Fragezeichen. Die jungen Menschen sind hochmotiviert und ihnen werden Steine in den Weg gelegt und die Türen vor der Nase zugeknallt. Studierende von heute sind Fachkräfte von morgen." Die kostenlose Beratung unterstützt unter anderem bei Studienwahl, Anerkennung von Bildungsbiografien, Studienfinanzierung und Hochschulzugang. Hinzu kommen studienvorbereitende Deutsch-Intensivkurse bis zum Niveau C1.
Fünf junge Zugewanderte auf dem Weg ins Studium
Im Mittelpunkt des heutigen Pressegesprächs standen fünf Menschen, die von der Streichung des Programms direkt betroffen sind. Seit 2018 wurden am Standort Hannover 514 Menschen mit GF-H-Unterstützung ins Studium gebracht. Einer von ihnen ist Abdul Masih Daaboul (26) aus Syrien. Er studiert inzwischen im vierten Jahr Humanmedizin an der Medizinischen Hochschule Hannover. Mit Unterstützung der Bildungsberatung konnte er sich durch Sprachkurse und Seminare auf das Studium vorbereiten: "Im Jobcenter wurde mir gesagt, ein Medizinstudium ist ein privates Vergnügen. Dabei möchte ich nur Arzt werden und dem Gesundheitssystem dienen." Mariia Denisova (20) aus der Ukraine will ebenfalls Medizin studieren und zeigt auf, wo sie ohne die Bildungsberatung stünde: "Frau Gomm hat mir gezeigt, welche Schritte notwendig sind, aber sie hat mich auch aufgefangen, mir Mut gemacht. Das ist auch eine psychologische Unterstützung. Jemanden zu haben, der sagt, alles wird gut."
Anastasiia Kurkina (22) ist ebenfalls nach Kriegsausbruch aus der Ukraine nach Deutschland gekommen. Zugangsvoraussetzung für die Unterstützung durch das Programm ist ein anerkannter dauerhafter Aufenthaltsstatus. Im Gespräch verdeutlichte Kurkina die finanziellen Hürden für junge Zugewanderte: "Die Bildungsberatung hat die Sprachkurse, Prüfungen und Fahrkosten übernommen. Dank Frau Gomms Unterstützung beginne ich bald meinen Master in Wirtschaftswissenschaften an der Leibniz Universität."
Für Oleksandr Yaremchuk (20) aus der Ukraine ist das Studium ein Kindheitstraum: "Seit ich ein Kind war, faszinieren mich die Schifffahrt und die Ozeane sehr." Mittlerweile hat er eine Zulassung für den Studiengang Schiffbau an der Technischen Universität Hamburg. "Die Bildungsberatung unterstützte mich mit der Immatrikulation, beim Bafög und hilft mir, meinen C1-Deutschkurs abzuschließen."
Für Nikita Iarkov (25) aus Russland ist der Wunsch nach einer akademischen Ausbildung stark verwoben mit seiner Migrationsgeschichte: "Ich war in Russland sozial und politisch sehr aktiv. Nach Kriegsbeginn war es für mich nicht mehr sicher, dort zu bleiben. In Deutschland wollte man mich im Jobcenter möglichst schnell in den Arbeitsmarkt drücken. Ohne die Bildungsberatung, ohne Frau Gomm wäre ich mit meinen Fragen allein geblieben. Ich wäre nicht ins Studium gekommen." Zum Wintersemester beginnt Iarkov den Kombibachelor "Sprache und Gesellschaft" an der Freien Universität Berlin. Sein Ziel: "Ich möchte erforschen, wie Sprache uns Menschen zusammenbringen kann."
v.l.n.r. Mariia Denisova, Anastasiia Kurkina, Tanja Gomm, Oleksandr Yaremchuk, Abdul Masih Daaboul
Eine Beratungslücke, die bleibt
Im Pressegespräch wurde auch die Frage diskutiert, welche Stellen diese Unterstützung auf Landesebene oder in anderen Strukturen übernehmen könnten. Hochschulische Studienberatungen richten sich jedoch an Menschen, die die Voraussetzungen für eine Studienaufnahme bereits erfüllen, und beraten vor allem zu den Angeboten der eigenen Hochschule. Lea Schönberger, Abteilungsleitung Soziale Dienste des Caritasverbandes Hannover e. V. ordnet die Rolle der Jobcenter ein: "Die verfügen meines Erachtens nicht über das Netzwerk, die Mittel und das Wissen, um ausländische Schulabschlüsse oder Studiensemester anerkennen zu lassen. Einen C1-Kurs bezahlen sie nicht. Wir sind auch mit einigen Jobcentern im produktiven Austausch. Die merken selbst, dass Synergien möglich sind. Wir sehen aber auch, dass viele Beraterinnen und Berater junge Menschen in eine Berufsausbildung drängen, die sie nicht wollen und die sie mit der richtigen Begleitung auch nicht brauchen."
Aus Sicht des Caritasverbandes ist die ersatzlose Streichung angesichts des Fachkräftemangels widersprüchlich, erläutert Vorstand Dr. Andreas Schubert: "Es geht auch um Entwicklungsfelder, in denen wir auf Unterstützung aus dem Ausland dringend angewiesen sind. Bereiche wie MINT, Forschung und Gesundheit. Statt die große Motivation dieser jungen Menschen zu nutzen und vorhandene Qualifikationen anzuerkennen, erschweren wir ihnen den Zugang zu einer akademischen Ausbildung."
Die Forderung der Caritas Hannover sei deutlich. Das Bundesprogramm dürfe nicht ersatzlos beendet werden. Auf den bestehenden Strukturen solle aufgebaut werden, anstatt fünf Jahrzehnte bundesweiter Vernetzung und Expertise grundlos aufzugeben. Zustimmung erhält das Anliegen aus ganz Deutschland. Eine Petition auf Campact hat in kürzester Zeit über 100.000 Unterschriften gesammelt. Ein deutliches Zeichen an die Bundesregierung, die Kürzungspläne zu stoppen.
Zur Petition: https://weact.campact.de/petitions/bildungsberatung-gf-h-starken-statt-streichen