Wohnungslose Menschen am Raschplatz: Warum die öffentliche Debatte zu kurz greift
Im Gespräch mit Florian Bokelmann, Sozialarbeiter in der Wohnungslosenhilfe beim Caritasverband Hannover e. V.
Florian Bokelmann, Sozialarbeiter im Kontakt Café
Herr Bokelmann, wie nehmen Sie die Diskussion um den Raschplatz im Zusammenhang mit Wohnungslosigkeit wahr?
Florian Bokelmann: Für mich ist es tatsächlich schockierend, wie wohnungslose und suchtmittelgebrauchende Menschen in der Öffentlichkeit dargestellt werden. In vielen Debatten fehlt mir eine entscheidende Perspektive: die der Betroffenen selbst. Sie kommen kaum zu Wort. Statt mit ihnen zu sprechen, wird meist nur über sie gesprochen, und zwar vor allem unter der Fragestellung: "Wie können wir dieses Problem lösen?"
Ich sehe Wohnungslosigkeit jedoch nicht in erster Linie als "Problem", das man beseitigen muss. Ich sehe das eher als einen gesellschaftlichen Umstand, mit dem man umgehen muss.
Florian Bokelmann: Worüber sollten wir stattdessen diskutieren?
Dass Menschen auf der Straße leben, ist aus meiner Sicht Ausdruck eines Systemversagens. Die Gründe für Wohnungslosigkeit liegen nicht einfach in individuellen Fehlentscheidungen. Vielmehr handelt es sich um strukturelle Probleme, etwa im Bereich bezahlbaren Wohnraums, sozialer Sicherung oder gesundheitlicher Versorgung.
In öffentlichen Debatten und Medien wird dieser strukturelle Hintergrund jedoch häufig ausgeblendet. Statt zu fragen, welche Fehler oder Lücken im System dazu führen, dass Menschen überhaupt in eine solche Lage geraten, wird vor allem diskutiert, wie man das sichtbare "Problem" im öffentlichen Raum lösen kann. Damit wird das Thema verkürzt und die Ursachen geraten aus dem Blick.
Ich merke sogar bei mir selbst, wie stark diese Perspektive wirkt: Durch die mediale Darstellung wird Wohnungslosigkeit schnell als Problem wahrgenommen, das es zu beseitigen gilt. Dabei geht es in erster Linie um einen gesellschaftlichen Zustand, für den wir gemeinsam Verantwortung tragen. Entscheidend ist, dass wir die Ursachen an der Wurzel angehen und die betroffenen Menschen aktiv in die Diskussion einbeziehen.